| Geschichte der Zofingia | Mit staatlicher Bildungspolitik im 18. Jh. wurden zahlreiche Hochschulen mit verschiedenen Schwerpunkten eröffnet. Damit einher ging eine groessere Mobilitaet, die begünstigt durch eine wesentlich unkompliziertere Prüfungspraxis und eine kleinere, effizientere und flexiblere Administration, die damals noch ansatzweise den Studenten diente, zu einem deutschen, beinahe europäischen Bildungsraum führte. An den Universitäten suchten die ortsfremden Studenten bei ihren Landsleuten Unterstützung und ein soziales Umfeld. So entstanden die Landsmannschaften, die teils bis heute fortdauerten wie die Normannia (Norddeutsche) in Heidelberg, die Rhenoguestphalia (Westphalen) an verschiedenen Universitäten und zahlreiche andere. Diese Studentenbünde waren die soziologischen und oft auch ideellen Vorläufer der zu Anfang des 19. Jahrhunderts auch in der Schweiz entstehenden Verbindungen.
Im Jahre 1819 wurde der Schweizerische Zofingerverein im kleinen aargauischen Landstädtchen Zofingen gegründet. Die Gründer waren einige wenige Studenten aus Zürich und Bern, die sich hier auf halbem Wege zwischen ihren Universitäten getroffen hatten. Bald darauf schon stiessen auch einige Basler Studenten dazu, die Sektion Basel war gegründet. Ihr Ideal und damit der gesetzte Vereinszweck standen denen der Landsmannschaften diametral entgegen: Sie hatten den hohen Anspruch zur tieferen inneren Verbindung der Schweiz, zur Integration der Kantone also beizutragen. Sie hingen in einer Realität der Kleinstaaten und der mühsam sich restaurierenden ständischen Ordnung dem Ideal eines Bundesstaates nach, mit fortschrittlicher liberaler Gesetzgebung.
Viele Träumereien bereichern das Geistesleben einer Zeit, doch während die Ideale der Burschenschaften sich nach dem Scheitern der 1848 Revolutionen abflachte, hatten die Zofinger ihr Ziel erreicht. Sie waren anders als andere Verbindungen und wollten dies gerade auch angesichts der Übernahme von studentischem Brauchtum wohlverstanden sehen. Darum distanzierte sich die Zofingia schon sehr früh vom Fechten als Mittel der Eigenjustiz. Es war ihr zwar gelungen, dem kantonalen Separatismus etwas entgegenzusetzen, Romandie und Deutschschweiz in einer Weise zu verbinden, die uns bis heute einmalig scheint, doch gelang es ihr nach anfänglichen Erfolgen nicht die katholischen Studenten zu integrieren. Im Zuge des Kulturkampfes wurden die Zofinger mit der liberalen Schweiz gleichgesetzt und die Bischöfe wandten sich in schärfster Form gegen die katholischen Sektionen der Zofingia und drohte gar mit Interdikt.
Im Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts entwickelten sich innerhalb der Zofingia zunehmend zwei Tendenzen: einer konservativ-liberalen Gruppe mit teils burschenschaftlichem Verständnis stand eine sozialistische gegenüber. Der Gegensatz gipfelte im Generalstreik im Gefolge des ersten Weltkrieges, wo sich Zofinger als Offiziere hüben und als Sympathisanten auf Seiten der Streikenden drüben gegenüberstanden. Es gelang aber interessanterweise die drohende Spaltung abzuwenden und den Konflikt -wenn auch nicht zu lösen- auf fruchtbarere, dialektische Bahnen umzuleiten, man fand im Mikrokosmos Zofingia einen modus vivendi, der -angesichts des bis gegen zehn Prozent der Studierenden reichenden Zofingeranteils- seine ausgleichende Auswirkung auf die Schweizer Innenpolitik nicht verfehlte.
Heute ist die Zofingia, auch wenn nach Stürmen der 68er Jahre nunmehr als Randgruppe, doch immer noch gemäss ihrem verbindenen Ideal aktiv. Die Sektionen pflegen enge Kontakte auch über die sich scheinbar verschärfende innerschweizerische Sprachgrenze hinaus. Sie versucht ihre Mitglieder weiterhin zu gemeinschaftlichem Denken und Toleranz vor einem Hintergrund einer akademischen Allgemeinbildung anzuspornen.
Die Basler Sektion ist eine der ältesten und eigenartigsten Sektion der Schweizer Zofinger; begleiten wir sie auf einen kurzen Streifblick durch ihr Zofinigerjahr:
Das neue Jahr wird so kaum wahrgenommen, denn schon im Dezember haben die Arbeiten zum neuen Conzärtli begonnen. Das Conzärtli ist der älteste Basler Vorfasnachtsanlass und hat im Laufe seiner bald 200jaehrigen Geschichte einiges an Wandlungen erfahren. Von einem eigentlichen Konzert mauserte sich der Anlass zu einem, nunmehr nur noch musikalisch umrahmten Cabaret. Persönlichkeiten und Ereignisse der Basler und zunehmend ausländischen Politik werden in angemessener Art gewürdigt und karikiert. Mittlerweile findet das Conzärtli dreimal statt, immer zwei Wochen vor der Fasnacht, wie es schon im ehrwürdigen Conzärtlicantus heisst:
Wenn d'Fasnachtszytt uff Basel kunnt,
wenn d'Gligge Schnitzelbänggli schinde,
und s'jede scho sim nägschte gunnt,
dass si em aini ynezinde:
No kunt's Conzärtli au an d'Raie
Zwai wuche vor dr Zibelewaie
Nach dem Conzärtli kann der Zofinger sich wieder seinen Studien und Besen (siehe Glossar) widmen. Gewisse frönen auch dem Gelderwerb, einige geniessen auch einfach das Leben weiter. Während der Semesterferien findet generell nichts offizielles statt, doch Ad rem (siehe Mitglieder) kocht weiterhin im Breo (Glossar) und andere versuchen dort desperat eine angestrengte Lernatmosphäre zu erzeugen. Nach den Semesterferien trifft man sich zur Eröffnungssitzung, deren etwas trockenen Verhandlungen mit Wursten abgerundet und schmackhaft gemacht werden. Es folgen nun in der erwachenen Natur die klassischen und doch immer neuen Sommeranlässe: Bummel nach Haltingen, Maibowle mit Brot und Spielen in Augst und anschliessender Rheinfahrt, wo durchaus von den Booten aus schon gebadet wurde. Unaufhaltsam nähert man sich über die Revanche, ein rauschendes Sommernachtsfest und den Heiri, auf einer Burg oder in den Lustgärten am Rhein, dem Höhepunkt des Jahres, dem Centralmarsch:
Falls jemand in der Morgenfrühe dieses Freitags im Mai zufällig bei der Kapelle in St. Jakob vorbeikäme, wunderte er sich nicht schlecht. Es stünden da zahlreiche junge Leute in etwas atavistischer und martialischer Kleidung. Und sie stehen da wirklich, sie tragen Stiefel und weisse Hosen und darüber ein ebenso weisses Hemd mit schwarzer Kravatte und den polnischen Schnürrock, den vor etwa 150 Jahren die Studenten zu tragen begannen um ihrer Solidarität mit den aufständischen Polen Ausdruck zu verleihen. Dazu natürlich Mütze und Band und Rucksack. Man zieht noch rüstig und frisch los, um dann schon bald auf einem Gut am Wege zu einem anständigen Frühstück einzukehren. Diese regelmässigen Verpflegungshalte bleiben die Regel und so verschiebt man ohne besondere Eile über die Schönmatt und Schauenburg nach Liestal und von dort in sich auflösender Marschordnung (es sollen auch weniger sportliche zunehmend auf öffentlichen Verkehr umgesattelt sein, was aber dem Chronisten gleichermassen ferne und greulich ist, dass er nicht weiter bei diesem Punkte verweilen will) Richtung Jura und der Grenze. Ein Landeskundiger mag sich nun fragen was für eine Grenze da gemeint sein könnte, nun für manche bildet der Jura die Grenze zwischen zivilisierter Welt und Wildnis, zwischen Basel und Europa einerseits und der Schweiz andererseits. Im Abendrot sind die Grüppchen schon weit verzettelt auf verschiedene Wege und Etappen, vielleicht nur noch zu zweit durchwandert man die Wälder und Wiesen, die Bauern werden nun schon zutraulicher, bieten Wasser und Milch, während sie des Morgens noch angesichts der lärmenden Horde die Hunde los- und die Mädchen anbanden.
So steigen die Unverzagten mutig über steile Wege dem Rehhag entgegen und schon im Eindunkeln die letzte Etappe am Kloster Schönthal vorbei nach Langenbruck hinunter. Dort wird nun aus den eingesammelten Waldmeistern eine ordentliche Bohle gebraut und der Abend angemessen zugebracht.
Die Bohle mundet und bald sinken die Unverzagten sanft narkotisiert auf eine Schlafstatt, wobei die genauere Auspraegung derselben betraechtlich schwankt: es kann dies ein eigentliches Bett mit oder ohne Inhalt sein, eine duerftige, klapprige Bettstatt in einer Jugendherberge oder gar ein Gaestebett im Gasthof.
Und hier muss ich schon korrigieren und den armen Troepfen gerecht werden, die weniger unverzagt die Anstrengungen des Rehhags scheuend, teils auf das schienengeleitete Feuerross umgestiegen sind und jedenfalls das dumpfe Tal nie verlassen haben und nun bei oedem Bier den Abend zubringen mussten, bei ihnen verursacht das Bier die ueblichen Nebenwirkungen an Ausduenstungen, schwerem Gang, schlechtem Schlaf und aehnlich schlechtem Aufwachen.
Jedenfalls schlaeft man und der Morgen kommt geschwind und wenn nicht mit dem erste so doch mit dem zweiten sieht man teilweise bierig verwueffelte Gestalten und andere frischere und schoenere aus den verschiedenen Winkeln des Dorfes zur Jugendherberge hinschlendern und von da setzt sich die Horde wiederum gemeinsam in Bewegung. Man gewinnt einige Steigung und stoesst dann in den Wald hinein, um den Schatten ist man froh, die Sonne beginnt schon zu brennen und ueber die luftigen Stege gelangt man durch eine malerische Schlucht nach Haegendorf. Das Dorf dass vor einigen Jahren von einem Wolf und alle Jahre einmal von den Zofingern heimgesucht wird. Man stuermt Baeckereien und Konsumgenossenschaften und frisch gestaerkt macht man sich auf den Weg -zum Bahnhof. Ja, lieber Leser es ist traurig, zum Bahnhof, um das letzte Stueck auf diesem unheilvollen Stueck Technik zurueckzulegen. Doch halt eine desperate Gruppe von unentwegten loest sich bestimmt aus der Menschentraube und marschiert dem Ortsausgang entgegen. Es sind dies die Splitter der Splittergruppe, die letzten Mohikaner und ich muss beinahe sagen Ritter der Landstrasse. Sie lassen sich durch tosende Fluesse und noch tosendere Autobahnen, durch bissige Huende und noch bissigere Eingeborene, durch Wolken und Rauchwolken der Fabrikschlote nicht davor abschrecken, den letzten Teil des Weges in die Bundesstadt Zofingen ebenfalls zu Fuss zurueckzulegen. Auf dem sengenden Asphalt loesen sich die Sohlen von den Schuhen, die weissen Hemden faerben ins Gelbliche doch frohen Mutes singend und gegen diverse Bestimmungen saemtlicher Schweizer Rechtordnungen verstossend, klettern, springen und marschieren sie stetig auf ihr Ziel zu.
Schliesslich erreichen sie etwas nach Mittag die Stadt und legen die letzten Schritte durch die trotz Bernerinvasionen und eidgenoessischer Bedrueckung im Ganzen aus der Habsburgerzeit gut erhaltenen Gaesschen des kleinen aber anmutigen Staedtchens zurueck. Derweil hat die Fest- und Generalversammlung des Schweizerischen Zofingervereins schon begonnen. Das ficht aber von unseren Helden keinen an, wohlgemut und laut und singend zieht man in leidlicher Marschordnung in den Saal ein und meldet dem amtierenden Centralpraesidenten den Haufen, der erstaunlicher- und schockierenderweise von diesem gar nicht unbedingt Notiz nehmen will. Die Festversammlung dient der Erholung unseres desperaten Haufens und nebenbei der Abwicklung der wichtigen gesamtschweizerischen Vereinsgeschaefte. Mehrfach werden Bier und Spiele gefordert und der Wunsch nach Rueckgabe des Waadtlandes an Bern wird wiederholt und im Chor laut. Nach ueberstandenen Traktanden folgt der Festzug im Cortege durch die Stadt. Aus unerfindlichen Gruenden sind Leute offenbar der Meinung, dass die Sektion Basel kraft alphabetischer Reihenfolge an zweiter Stelle marschieren muesse, die armen auf falschem Wege werden aber dann eines besseren belehrt, wenn unversehens die Basler aus dem Hinterhalt in den Cortege einbrechen und die ihnen natuerlicherweise gebuehrende Ehrenstellung einnehmen. Den Rest wollen wir gnaedig abkuerzen, Festakt auf dem sog. Thutplatz und dann ein Fest, dass die Stadt maechtig in ihrem Innersten erschuettert. Dann wiederholt sich die Diversifizierung der Nachtlager: einige finden sich sonntagmorgens in einem Bett mit Inhalt ander in einem ohne, einige im Hotel, einige in Aborten des Hotels, andere auf der Strasse, auf und unter Baeumen, die Liste liesse sich beliebig fortsetzen. Der Sonntag wird schliesslich mit einem Feldgottesdienst auf einem Platz mit maechtigen Baeumen und herrlichem Blick auf die Stadt und einem kleinen Kommerslein ebendaselbst beschlossen.
Mit diesem denkwuerdigen Anlass allerdings beschliesst sich unaufhaltsam das Sommersemester und man muss sich auf den Oktober vertroesten. Nur ein Lichtblick hilft ueber die ach so lange vorlesungs- und zofingerfrei Zeit hinweg: Die auch sonst fuer die Zofinger, wenn nicht fuer alle, so doch fuer die wichtigen immens wichtige Balisalp:
Diese Balis, inmitten gruener Matten und unter hohen Bergesgiebeln im wilden Berneroberland gelegene Huette ist das Refugium fuer Zofinger, die des Stueckwerks des flachlaendischen Lebens ueberdruessig, die Weite von Gottes Natur suchen. Dort oben also, verbringt man sinnvolle Zeit und das gerade auch in den Semesterferien, z.B. fuer die Pfatterlaendische 1. August-Coloney. Eine weitere Beschreibung des Balislebens draengt sich hier nicht auf, sintemalen es zu schoen zum Beschreiben ist, wer es sehen will und sich der Gefahr der Sucht auszusetzen gewillt ist, der moege kommen. Wer Ohren hat, der hoere.
Endlich eroeffnet der hohe Praesident der Sektion Basel das Semester und eigentliche Zofingerleben wieder mit der gewohnt heftig das Budget und sonstige Haarspaltereien umkaempfende Eroeffnungssitzung mit anschliessendem Wurstfressen.
Man koennte viel berichten, von auf dem Spalenberg naechtlich tafelnden Fuxen, von Kommersen in Tramen und anschliessender blaulichtschwangerer Verfolgung durch die Polizeikraefte der Stadt Basel, von Plakaten die dennoch zu einer permanenten Werbephotographieausstellung im Breo fuehren und so weiter. Dann sind Herbstbummel fuer einige und Ruetlischiessen auf dem Programm und einige beginnen schon wieder mit den Conzaertlivorbereitungen, womit und allenfalls noch mit der Weihnachtsfeier um Berge von absurden Geschenken und den stumpenbehaengten Weihnachtsbaum sich der Kreis schliesst.
Soviel zu den Hoehepunkten des Zofingerlebens. Doch es gibt noch etwas anderes als eigentlichen, wenn auch immer mannigfaltig verschiedenen Hoehepunkt zu deklarieren: es sind dies die zum grossen Teil oeffentlichen Vortraege von Persoenlichkeiten aus Wissensschaft, Kunst, Politik und Wirtschaft, die der Zofingia einen eigenen Stempel aufpraegen: eine Verbindung die zu Recht Wissenschaft und Freundschaft als Devise traegt und eine Institution, isoliert in der universitaeren Landschaft, die etwas zur Allgemeinbildung und zur Interdisziplinaritaet beitraegt und nicht nur davon spricht. |
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